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21. August 2020 Institut fuer Spielanalyse

Champions League Finale 2020 – Der Experten-Talk (II)

Eine denkwürdige Champions League Saison mündet in ein vielversprechendes Finale: Der FC Bayern München trifft auf Paris Saint-Germain. Bevor der Anpfiff ertönt, haben wir uns mit Experten aus verschiedenen Bereichen ausgetauscht. Wir wollten wissen, was sie basierend auf ihrer Expertise im Finale erwarten. In Teil 2 sprechen wir mit Daniel Meuren, FAZ & Autor der Tuchel Biografie.

Institut für Spielanalyse: Thomas Tuchel hat, wie Du in Eurem Buch geschrieben hast, in großen Spielen für Dortmund und auch in Paris den Hang zum Sicherheitsdenken. Was erwartest Du für eine Strategie im Finale am Sonntag?

Daniel Meuren: Ich denke, dass er mit den Spielen gegen Borussia Dortmund und gegen Atalanta Bergamo sowie gegen Leipzig bewiesen hat, dass er diese Schwäche, die wir noch zum Zeitpunkt des Schreibens konstatiert hatten, abgestellt hat. Er hat sich entscheidungsfreudig und dabei sehr erfolgreich hinsichtlich der strategischen Vorgaben, aber eben auch im Coaching während des Matchs inklusive der Wechsel gezeigt. Gegen Bergamo hat er frühzeitig korrigiert. Choupo-Moting zu bringen und nicht alibimäßig zu sagen: „Ich kann jetzt nicht meinen billigsten Spieler auf das Feld bringen.“ Er hätte auch sagen können, der Choupo-Moting hat seit November kein Tor mehr geschossen – was soll der jetzt hier bringen? Das war mutig und das wurde belohnt. Daher gehe ich davon aus, dass er gegen den FC Bayern auch mutig mit einem klaren Plan agieren wird. Er wird tiefer pressen lassen, weil er gesehen hat, dass die Bayern, wenn sie an der Mittellinie stehen mit Chip-Bällen zu überwinden sind. Er wird die Bayern Spieler hinten also raus locken wollen, um dann Mbappé über die gesamte Spielfeldhälfte Raum zu geben.

Ich sehe Paris in einer angenehmen Rolle und eben auch, dass sie auf höchstem Niveau noch einmal Spieler haben, die den Unterschied ausmachen. Klar: Gnabry, Lewandowski und Müller haben sich bewiesen, haben viel Potential. Aber ich denke, dass di Maria, Mbappé, Neymar noch mal einen Ticken höher einzuschätzen sind und dass das Spiel so entschieden wird.

Daniel Meuren, FAZ-Journalist und Autor der Tuchel-Biographie

Aus der Perspektive des FC Bayern betrachtet: Überspitzt gesagt, trifft Bayern auf die drei Geister der Vergangenheit im Finale: Ein Mix aus Barcelona aus den guten Jahren (passstark, dominant und immer mit einer Idee bis zur allerletzten Sekunde) in Kombination mit der Abgezocktheit vor dem Tor von Chelsea & Inter Mailand sowie der taktischen Raffinesse des BVBs (Tuchel). Gehen die Bayern als Sieger oder geschlagen in Anbetracht dieses Gegners vorm Platz?

Ich sehe Paris in einer angenehmen Rolle und eben auch, dass sie auf höchstem Niveau noch einmal Spieler haben, die den Unterschied ausmachen. Klar: Gnabry, Lewandowski und Müller haben sich bewiesen, haben viel Potential. Aber ich denke, dass di Maria, Mbappé, Neymar noch mal einen Ticken höher einzuschätzen sind und dass das Spiel so entschieden wird. Ich sehe bei beiden Teams Schwächen in der Außenverteidigung und es ist die Frage, wer das besser kompensieren kann. Tuchel hat meines Erachtens gut vorbereitet, dass sich selbst seine Stars in der Außenseiterrolle gegen Bayern wohlfühlen und entsprechend heiß sind.

Zum PSG: 49% der Angriffe gingen über ihre linke Seite, 23% zentral, 27% über rechts. Dazu jetzt im Vergleich die Torschuss-Situationen in der Partie Bayern gegen Lyon: 11% links, 67% zentral, 22% rechts. d.h.: insgesamt zwar weniger Angriffe über Bayerns linke Seite, aber wenn, dann gefährlich und häufiger mit Abschluss, als über die rechte Defensivseite. Was würdest Du aus Bayern-Perspektive aus diesen Zahlen machen?

Die Frage würde ich im Normalfall an das Institut für Spielanalyse weiter geben. Die Bayern haben einen starken Fokus auf die zentrale Verteidigung. Sie lassen über die Außen auch mal was zu. Aber eben mit viel Aufmerksamkeit. Alaba hat da ja auch eine Menge Bälle weg gekratzt. Es wurde immer dann gefährlich, wenn Lyon den Ball schnell gemacht hat und die Flanken direkt geschlagen haben. Weil sie wussten, wenn sie den Bayern eine Sekunde mehr Zeit lassen, stehen sie wieder stabil. Da wird die Frage sein, wie die Bayern das verteidigen wollen, denn Paris kann das ähnlich präzise spielen.

Lewandowski und Gnabry sind zusammen mit 24 Toren das erfolgreichste Torduo aller Zeiten: Bisher waren das Cristiano Ronaldo und Gareth Bale mit 17+6 = 23 Toren aus der Saison 2013/14. Im Schnitt lässt PSG nur 12 Torschüsse pro Spiel zu, woraus aber nur ca. jeder 25. ein Tor wird (!).- Solche Zahlen haben auf den Gegner und auf die eigenen Spieler eine starke Wirkung. Was denkst Du, wie sollten die beiden Trainer mit solchen Zahlen umgehen?

Überordnet möchte ich sagen, dass die Turnierform Thomas Tuchel liegt. Er kann hier seine Stärke, ein Team in wenigen Einheiten und Videositzungen optimal auf das Spiel vorzubereiten, voll einbringen. Zu den Spielern: Die wissen das und das verstärkt ihr Selbstbewusstsein auf dem Platz. Tuchel spricht ja immer von der „Verstärkung und vom Klebstoff“. Von Außen betrachtet, denkt ja jeder: Paris – die schießen viele Tore. Aber die Basis ist ja ihre sehr gute Verteidigung. 5 Gegentore in der Champions League sprechen da eine klare Aussage, für den Fakt, dass alle auf dem Platz mit verteidigen. Tuchel wird die Zahlen nicht so nutzen, dass sich die Spieler in trügerischer Sicherheit wiegen, sondern er wird Anforderungskataloge definieren. In Mainz hat er damals auch den Spielern Leistungsziele gesetzt. Er hat gesagt: Wir können keine Punktezahl vor der Saison für unser Team ansagen, aber jeder kann seine Laufleistung von x Sprints und eine Zweikampfquote von y bringen. Das wird er in Paris mit dieser Qualität an Spielern nicht so bringen. Denen wird er sagen: Neymar, di Maria und Mbappé: Ihr müsst hier heute 3 Tore machen zusammen. Und defensiv brauchen wir Euch auch – bringt euch mit diesen Aspekten Eures Spiels ein. Und so wollen die auch gefordert werden. 

Auch in Bezug auf die Fouls. Die Anekdoten rund um das Leipzig Spiel sind ja noch jedem in Erinnerung. Tuchel war immer darauf aus, weniger als 10 Fouls pro Spiel zu begehen. Weil sonst die Gefahr für Standard-Gegentore zu groß wird. Mit Zahlen wird er also das Bewusstsein schärfen.