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22. August 2020 Institut fuer Spielanalyse

Champions League Finale 2020 – Der Experten-Talk (III)

Eine denkwürdige Champions League Saison mündet in ein vielversprechendes Finale: Der FC Bayern München trifft auf Paris Saint-Germain. Bevor der Anpfiff ertönt, haben wir uns mit Experten aus verschiedenen Bereichen ausgetauscht. Wir wollten wissen, was sie basierend auf ihrer Expertise im Finale erwarten. In Teil 3 sprechen wir mit Anja Mittag. Die jüngst zurückgetretene Fußballerin hat so ziemlich jeden Titel in ihrer langen Karriere gewonnen, von dem SportlerInnen träumen. Ein Auszug ihrer Vita: Gold bei den Olympischen Spielen (2016), Weltmeisterschaft (2007), Europameisterschaft (2005, 2009, 2013), Champions League (2010), Deutsche Meisterschaft (2004, 2006, 2009, 2010, 2011, 2017), schwedische Meisterschaft (2013, 2014), DFB-Pokal (2004, 2005, 2006) sowie diverse Einzelauszeichnungen. Heute arbeitet Anja Mittag als Individualtrainerin, Spielanalystin und Scout bei RB Leipzig. Zudem betreibt sie mit Ex-Fußballerin Josephine Henning den Podcast „Mittag`s bei Henning“ und gibt einen tieferen Einblick in die Welt des Frauenfußballs.

Institut für Spielanalyse: Vor etwas mehr als 10 Jahren hast Du die Champions League gewonnen. Weißt Du noch, was Ihr am Tag des Finals gemacht habt und wie Du Dich gefühlt hast?

Anja Mittag: Wir sind auf einen Bolzplatz in der Nähe des Hotels gegangen und haben 5 gegen 2 gespielt. Am Tag vorher hatten wir da noch ein bisschen Basketball gespielt. Je mehr man sich dem Anpfiff nähert, desto mehr steigt ja die Anspannung. Bei diesen späten Spielen mit Anpfiff um 20:45 Uhr ist der Tag schon sehr lang und zäh. Da war ich nie ein Freund davon, weil Du ewig wartest, bis es endlich losgeht. Bis Nachmittags brauchst Du dann schon viel Ablenkung. Und ich war auch nie eine, die noch zwei oder drei Stunden Mittagsschlaf gemacht hat. Irgendwann geht es dann los: Wir haben eine finale Matchinfo mit den Hinweisen zum eigenen und gegnerischen Spiel bekommen. Wir haben uns dann noch Dein Motivationsvideo angesehen und mit der Fahrt zum Stadion wurde es immer realer.

Die Spieler vom FC Bayern lassen sich jetzt auch nicht von irgendwelchen Zahlen beeindrucken. Schon gar nicht nach dieser Serie von Spielen in 2020. Die reiten auf ihrer Welle.

Anja Mittag, Individualtrainerin, Spielanalystin und Scout bei RB Leipzig

 Die „Mia san mia“-Mentalität der Bayern kennen wir in Deutschland nur allzu gut. Du hast bei Paris St. Germain gespielt. Kannst Du uns sagen, was ihre DNA ist?

„Ici si Paris“ haben die immer gesungen. Man merkt schon, dass es ein großer Verein ist, dem mit viel Respekt begegnet wird. Du bist Dir schon bewusst, welchen Stellenwert der Klub hat, wenn Du das Trikot trägst in der Stadt. Viele Menschen identifizieren sich in Paris mit dem Verein und sehen ihn als etwas Großes und Besonderes. Dazu hat auch die sehr pompöse Geschäftsstelle beigetragen. Alles ist auf den ersten Blick etwas beeindruckender als woanders.

Lewandowski und Gnabry sind zusammen mit 24 Toren das erfolgreichste Torduo aller Zeiten: Bisher waren das Cristiano Ronaldo und Gareth Bale mit 17+6 = 23 Toren aus der Saison 2013/14. Im Schnitt lässt PSG nur 12 Torschüsse pro Spiel zu, woraus aber nur ca. jeder 25. ein Tor wird (!).- Solche Zahlen haben auf den Gegner und auf die eigenen Spieler eine starke Wirkung. Welche Wirkung hatten solche Zahlen auf Dich und was denkst Du, wie sollten die beiden Trainer mit solchen Zahlen umgehen?

Zu meiner Zeit gab es im Frauenfußball nicht so viele Statistiken, wie es heute der Fall ist. Aber wenn jemand anderes eine beeindruckende Serie hatte, dann haben wir uns gesagt: Die haben ja noch nicht gegen uns gespielt. Und auf mich selbst bezogen: Wenn ich schon viele Treffer erzielt hatte – da bist du selbstbewusster, da bist Du in einem Flow, da zweifelst Du nicht an Dir selber, wenn Du mal einen vergibst. Guck Dir das Halbfinale an: Lewandowski hat wirklich ein unglückliches Spiel gemacht, aber blieb dran und macht dann noch sein Tor. Das sitzt dann einfach. Deshalb werden sich die Spieler vom FC Bayern jetzt auch nicht von irgendwelchen Zahlen beeindrucken lassen. Schon gar nicht nach dieser Serie von Spielen in 2020. Die reiten auf ihrer Welle.