fbpx
Blog
26. August 2020 read the game

Das CL-Finale in der Detail-Analyse

Am Samstag krönte der FC Bayern München seine Saison nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft und des DFB-Pokals mit einem 1:0-Sieg im Champions League Finale gegen Paris St.-Germain und gewann zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte nach 2013 das Triple. Wir blicken zurück auf das Spiel!

Die ersten 5 Minuten: Vorne druff!

Der FCB startete mit frühem, hohem Pressing und hatte bereits in den ersten 90 Sekunden 2 Balleroberungen im letzten Drittel der Pariser. Bei Ballkontrolle PSG drückten bis zu 6 Bayernspieler auf den direkten Ballgewinn. Das Angriffstrio der Pariser klebte, während die Jungs hinten in die Bredouille gepresst werden, entspannt an der Mittellinie und bewegte sich nur wenige Meter Richtung Ball, wenn denn der lange Ball, der das leere Mittelfeld überbrücken musste, überhaupt geschlagen werden konnte.

Nach 5 Minuten war Thiago derjenige, der das erste Zeichen Richtung mit Tor mit einem ungefährlichen Distanzschuss setzte. Nach den ersten Pressingminuten legten die Bayern nun die ersten längeren Ballkontrollphasen ein, die bis zu 30 Sekunden dauerten und bei denen klassisch inklusive Seitenverlagerung die beiden Außenverteidiger Kimmich und Davies weit aufgerückt waren.

Auch Paris spielte von Beginn an ein hohes Pressing, wenn auch nicht so aggressiv und erfolgreich wie die Bayern. Die Bayern machten in ihren Episoden das Spiel nicht nur vertikal breit, sondern bewegten sich auch horizontal über den Platz, um immer wieder Bewegung im Defensivverbund des Gegners zu verursachen. PSG wartete die nächste Welle Richtung eigenes Tor jedoch nicht wie viele andere Gegner ab, sondern presste selbst hoch, wie auch die Bayern, im letzten eigenen Drittel des Gegners. So zwangen sie den FCB nach 8 Minuten zum ersten Fehler im Aufbauspiel durch einen Fehlpass von Leon Goretzka, woraus der erste Freistoß für PSG aus aussichtsreicher Position resultierte.

Ab der 10. Minute: Chaos und Nadelstiche

Nach zwei weiteren Standards hatte PSG die längste eigene Episode mit 25 Sekunden, in der auch Mbappé das erste Mal länger am Ball war. Nach 13 Minuten dann der erste Abschluss der Pariser: Nach spielerischer Befreiung aus dem Bayern-Pressing durch eine Seitenverlagerung und einer Episode von 27 Sekunden kam Mbappé nach abgefälschter Hereingabe von Bernat zum Schuss, der jedoch von Goretzka geblockt werden konnte. Was anfangs beim FCB funktionierte, gelang nun PSG: Ballverluste durch hohes Pressing  zu provozieren.

Das Spiel wurde nun etwas chaotischer, da das Gefühl der Unverwundbarkeit schwand und der Druck, möglichst keine Fehler zu machen, höher wurde. So war es Neymar, der in der 18. Minute nach Balleroberung im zentralen Mittelfeld innerhalb von 6 Sekunden zur besten Chance des Spiels und seiner ersten auffälligen Aktion eingeladen wurde:

Das Momentum hatte spätestens jetzt ein blaues Trikot an und den Bayern war eine erste Nervosität anzumerken. PSG gelang es nun besser, sich aus dem Offensivdruck der Bayern zu befreien, entweder durch schnelle Seitenverlagerungen oder durch Foulspiele des FCB. Die größte Torchance des FCB resultierte aus einer recht simplen kurzen Offensiven Phase, welche mit einer Flanke von Davies aus dem Halbfeld bei Lewandowski landete, der sich nach Ballannahme drehen konnte und den Ball gegen die Laufrichtung gen linken Pfosten schickte:

Nach 20 Minuten hatte beide Parteien also klar gemacht, dass sie aus wenig viel machen können, was die Spannung und die Gefahr erhöhte, dass jeder Fehler schnell bestraft werden könnte. Dies geschah beinahe in der 23. Minute, als di María den Ball mit seinem schwachen rechten Fuß über das Tor schoss. Der Angriff jedoch war beispielhaft für diese Phase: Viele Spieler am Sechzehner der Pariser und innerhalb von 17 Sekunden ging es spielerisch Richtung Münchener Tor:

Ab der 30. Minute: Kontrolle und Riesenbock

Nach einer halben Stunde gelang es dem FCB, wieder mehr Ruhe in die eigenen Aktionen zu bekommen. Innerhalb von 120 Sekunden kam es zu 3 Toraktionen Richtung Pariser Tor, wovon jedoch nur Lewandowskis Kopfball nach Müllers Flanke nennenswert war. Nach dieser Szene gab es eine knapp 90 sekündige Verletzungsunterbrechung, in der PSG der eigene spielerische Flow verloren gegangen war. Zwei lange, unerfolgreiche Diagonalbälle leiteten diese Phase der Pariser ein, währenddessen die Bayern jetzt mehr in ihr Ballkontrollspiel fanden.

Die letzte Reihe der Münchener befand sich nun auf Höhe der Mittellinie, Alaba und Süle lenkten als zentrale Schaltstellen die Seitenverlagerungen vom rechten auf den linken Flügel und zurück. Auf diese Weise wurde PSG zum ersten Mal im Spiel über mehrere Minuten in die eigene Hälfte gedrängt und hatte keinen direkten Zugriff auf Ball und Gegner. Die Bayern blieben ihrem Spiel treu und zwangen die Defensive um Thiago Silva immer wieder zu Fehlern.

Die Variation im Münchener Spiel wurde durch zunehmend scharf gespielte Bälle aus der Innenverteidigung auf die seitlich hinter die Kette einlaufenden Außenspieler deutlich, was zwar für Überraschungsmomente, aber wenig Torgefahr sorgte.

Der spielerische Flow des FCB wird besonders deutlich, wenn Freistöße aus dem rechten Halbfeld nicht als Flanke in den Sechzehner gegeben werden, sondern flach über die Zentrale ins Spiel gebracht werden, um dann erneut den Positionsangriff aufzubauen. Zwar blieb auch Paris beim offensiven Pressing auf die Defensivkette der Bayern, lief praktisch gesehen dem Ball jedoch nur hinterher.

Die letzten 2 Minuten der ersten Halbzeit wirkten wie die hektischen Schlusssekunden in einem Boxkampf, in dem beide Athleten noch den finalen Punch setzen wollen.

Den Auftakt machte der vielleicht schlimmste Fehlpass David Alabas seit dem 20.03.2010 im Ligaspiel bei Eintracht Frankfurt, als er den 1:1 Ausgleichstreffer mit einem ähnlichen Aussetzer vorbereitete, wie er ihm nun im CL Finale zehn Jahre später im eigenen Sechzehner nahezu identisch passierte. Einen Doppelpass zwischen Mbappé und Herrera später konnte er von Glück reden, dass der Ball in Neuers Händen und nicht im Netz landete:

Im direkten Gegenzug landete Gnabrys flache, scharfe Hereingabe in Navas’ Armen, um direkt nach einer Passstation erneut beim mitspielenden, hochstehenden Manuel Neuer zu landen, der seinerseits die erste knifflige Szene in diesem Spiel einleitete, die nach dem Videoschiedsrichter verlangte, als Coman in vollem Lauf von Kehrer ins Straucheln gebracht wurde und fiel.

In den 45 Minuten plus 1 Minuten 23 Sekunden Nachspielzeit der ersten Halbzeit rollte der Ball effektiv 25 Minuten 33 Sekunden, wovon er 9 Minuten 37 Sekunden in Ballbesitz der Pariser und 15 Min 56 Sekunden in Ballbesitz der Münchener war.

Auffällig war vor allem, dass Müller sehr offensiv agierte, nahezu auf einer Linie mit Gnabry, Coman und Lewandowski.

taktische Formation der 1. Halbzeit des FCB, Quelle: UEFA.com

Ab der 45. Minute: Das typische Bayern-Spiel

Zu Beginn der 2. Halbzeit stellte Tuchel sein Offensiv-Trio um: Mbappé wechselte von  der linken auf die rechten Seite und tauschte mit di María die Position, während Neymar weiterhin zentral agierte. Die Bayern zogen nun ihr typisches Spiel auf: Lange Ballkontrollphasen, die rund herum um den Pariser Strafraum und teilweise bis zurück zu Neuer gespielt und immer wieder neu aufgebaut wurden. PSG staffelte sich in dieser Phase etwas tiefer und ließ die Bayern gewähren. 

Es schien, als hätten sie in diesem Spiel die Tatsache angenommen, dass sie ausschließlich über Balleroberungen und schnelles Umschaltverhalten erfolgreich sein könnten, währenddessen sie in der ersten Halbzeit noch auf hohe Ballgewinne aus waren und teilweise selbst längere Ballkontrollphasen hatten. Die Variabilität im Pariser Spiel wurde dadurch deutlich, dass sie sich binnen weniger Sekunden als Mannschaftsverband erneut in die Hälfte der Bayern schoben und das zuvor behutsame Aufbauspiel des FCB früh störten und ihrerseits durch diese schnelle Defensivumstellung Bälle eroberten. Theoretisch hätte dieser Moment das Zeichen sein können, nicht zu sehr vom Plan aus der 1. Halbzeit abzuweichen. Stattdessen ließ sich PSG erneut tief fallen und ließ die Bayern ihr Spiel aufziehen. So geschehen in der 59. Minute, als eine Offensive Phase des FCB nach 29 Sekunden erfolgreich vom einstigen Pariser Coman per Kopf abgeschlossen wurde und die Bayern somit in Führung gingen:

Beeindruckt von diesem Rückschlag ließ Paris in den folgenden 2 Minuten 2 weitere Strafraumszenen der Münchener zu, die bei effektiverer Chancenverwertung die Führung erhöht hätten. Da die Umstellung in der Offensive der Pariser die gewünschte Wirkung vermissen ließ, wurde ab der ca. 60. Minute erneut umgestellt: Neymar nach links, Mbappé zentral und di María zurück auf die rechte Seite. Desweiteren wurde Verratti eingewechselt für Paredes, was dem Pariser Spiel wieder mehr Sicherheit verleihen sollte.

Ab der 65. Minute: Lebenszeichen und Kampf

Die Maßnahme, di María wieder nach rechts zu ziehen, sorgte ab der 65. Minute mehrfach für Torgefahr durch Pässe in die Box, die mit dem linken Fuß Richtung Tor gezogen wurden, da Süle oder auch Goretzka bei diesen Bällen Schwierigkeiten im Stellungsspiel gegen den einlaufenden Spieler hatten:

In der 68. Minute wechselte der FCB seine Flügelzange: Perisic für Gnabry auf rechts, Coutinho für Coman auf links. Durch diese Wechsel beraubte sich der FCB einer Stärke der ersten 60 Minuten: die offensiven Außenpositionen wurden nicht mehr so stark gehalten, wodurch weniger Breite im Spiel war.

taktische Formation der 2. Halbzeit des FCB, Quelle: UEFA.com

Die 10 Minuten nach dem Führungstreffer waren geprägt von der direkten Möglichkeit, die Führung auszubauen und einer daraufhin aufkommenden Spielkontrolle der Pariser, die durch 2 starke Vorlagen von di María zu Großchancen kamen, die nicht genutzt wurden. Die zweite fragwürdige Elfmetersituation folgte in der 73. Minute, diesmal auf Seiten der Pariser: Nach geblocktem Distanzschuss von Goretzka dauerte es 13 Sekunden, bis Mbappé im Zweikampf mit Kimmich im Strafraum zu Fall kam. Der klare Elfmeter wurde zum Glück des FCB nicht gepfiffen. PSG befand sich nun in einer Druckphase und sorgte erstmals in diesem Spiel dafür, dass sich alle Spieler während eines Positionsangriffes in der Hälfte des FCB befanden.

In der Folge kam auch Neymar zu seinem zweiten Torabschluss, der jedoch über das Tor von Neuer ging. Der FCB erkämpfte sich nach und nach die Spielkontrolle zurück und behauptete den Ball in einer langen Episode mehrfach gegen die aggressiven Pariser. 

Ab der 80. Spielminute: Pressen und Verwalten 

Die Druckphase der Pariser hatte der FCB nun überstanden. Mit drei leichten Ballverlusten von Neymar durch leichte technische Fehler innerhalb von 2 Minuten und der dazu passenden Körpersprache keimte der Gedanke, dass die Hoffnung bei PSG schwindet. Nach einem Foul gegen sich mündete Neymar’s Laune in einem taktischen Foul gegen Lewandowski und einer gelben Karte. Der FCB wiederum blieb läuferisch und stark und eroberte weiterhin Bälle im Aufbauspiel der Pariser im zentralen Mittelfeld oder dem letzten Dritter der Pariser.

Die Bayern unterbanden nun das Aufbauspiel durch Balleroberungen und Fouls und ließen sich zeitgleich bei eigenen Standards und Auswechslungen mehr Zeit, um Sekunden von der Uhr zu nehmen. Bezeichnend für den Willen und den Einsatz der Bayern war zudem eine Szene aus der 87. Minute, in der Perisic am Pariser Sechzehner aggressiv in den Zweikampf ging, um den Angriff schon in der ersten Linie zu unterbinden.

Angetrieben von den eigenen Teamkollegen auf der Tribüne wurde das feine Spiel der Bayern in der ein oder anderen Szene gegen das altbewährte Ballwegschlagen eingetauscht. 

Spätestens, als mit letzter Hoffnung Mbappé, wohlgemerkt im Abseits, in der 90. Minute 6 Meter vor dem Tor allein vor Neuer auftauchte und auch diesen Ball nicht verwandeln konnte, war klar, dass Neuer an diesem Tag nicht zu schlagen sein sollte.

Auch zwei kapitale Abspielfehler von Süle in der Schlussphase sorgten für keinerlei Gefahr, da Alaba diese durch sein Stellungsspiel ausbügeln konnte. Das letzte Aufbäumen der Pariser zeigten sie mit all ihrer Klasse in der 92. Minute: Nach Balleroberung gegen Lewandowski im eigenen Strafraum dauerte es 15 Sekunden, bis der Ball über Thiago Silva, Verratti und Mbappé bei Neymar landete, dessen abgefälschter Schuss Choupo-Moting direkt vor dem Tor der Bayern nicht fand und am Tor vorbei trudelte:

Das Spiel in Zahlen

In der zweiten Halbzeit wurden brutto 50 Minuten 12 Sekunden gespielt, netto war der Ball jedoch nur 27 Minuten 6 Sekunden im Spiel, wovon er 10 Minuten 46 Sekunden in Ballbesitz der Pariser und 16 Minuten 20 Sekunden in Ballbesitz der Münchener war.

Die effektive Spielzeit betrug insgesamt 52 Minuten 39 Sekunden, wovon die Bayern 32 Minuten 16 Sekunden lang den Ball hatten und damit 11 Minuten 53 Sekunden länger, als die Pariser. PSG hatte 9 Torabschlüsse, 3 davon auf den Kasten von Manuel Neuer. Die Bayern schossen 12x Richtung Tor, davon nur 2 Schüsse auf das Tor von Keylor Navas: Der Pfosten-Treffer von Lewandowski in der 1. Halbzeit und das Tor von Coman in der 2. Halbzeit.

Läuferisch waren die Bayern den Parisern überlegen: 9,4km pro Spieler im Gegensatz zu 9,0km pro Spieler bei PSG. Bei den Fouls wurde Neymar am häufigsten gefoult, insgesamt 6x. Bei den Bayern war es Kimmich mit 5. Die meisten Fouls am Platz beging der erste Verteidiger des FCB: Lewandowski mit 5 Fouls, gefolgt vom defensiven Mittelfeld-Duo Goretzka und Thiago mit jeweils 4.

Besonders auffällig sind die Passstatistiken: Bisher passten sich die Pariser in der CL 588x den Ball zu, wovon 87% den Weg zum eigenen Mann fanden und 13% Fehlpässe waren. Im CL Finale spielten die Pariser nur 339 Pässe, wovon 77% erfolgreich waren. Auch die Bayern konnten ihren bisherigen Saisonschnitt nicht halten: 665 Pässen im Schnitt stehen 548 Pässe im CL Finale gegenüber, der Passerfolg von sonst 88% lag im Finale bei 84%. Insgesamt spielten der FCB 200 erfolgreiche Pässe mehr als PSG: 462 zu 262.

Die meisten Pässe bei PSG spielten sich Thiago Silva und Thilo Kehrer zu: 10x. Im Halbfinale gegen Leipzig, als PSG insgesamt 611 erfolgreiche spielte, lag der Höchstwert bei 27 zwischen Paredes und Kimpembe. Im Halbfinale passten sich Neymar und di María 12x den Ball zu, im Finale nur 2x. Neymar und Mbappé interagierten im Halbfinale 6x miteinander in Form von Pässen, im Finale nur 4x. Die meisten Pässe spielte Thiago Silva mit 46, die beste Passquote bei den Parisern hatte Herrera mit 95% bei 20 erfolgreichen Pässen und einem Fehlpass.

Beim FCB lag die höchste Passfrequenz mit 15 Pässen zwischen Goretzka und Thiago, gefolgt von Kimmich und Thiago sowie Davies und Alaba mit jeweils 14 Pässen. Die meisten Pässe mit der höchsten Passquote wurden von Thiago gespielt: 87 Pässe, wovon 92% zum Mitspieler kamen.